Bläserphilharmonie Heilbronn

Wenn der gebratene Schwan singt


Ein letzter Paukenschlag, ein letztes Aufbäumen des Chores: Und wieder dreht sich das Rad der Schicksalsgöttin ein bisschen weiter.

Ein letzter Paukenschlag, ein letztes Aufbäumen des Chores: Und wieder dreht sich das Rad der Schicksalsgöttin ein bisschen weiter. Die mächtige Pauke verstummt, der wuchtige Chor hält ein, der gerade in aller Dramatik und sehr akzentuiert "Fortuna Imperatrix Mundi" angerufen hat, jene wankelmütige Göttin, die das Schicksal der Menschen bestimmt.

Welch eine überwältigende, pathetische Explosion der Gefühle. Und welch eine überwältigende Stille, die ganz zart in den ebenso raffinierten wie schlichten Liederzyklus der 1937 uraufgeführten szenischen Kantate "Carmina Burana" Carl Orffs mündet. Zum ersten Mal hat sich die noch recht junge, erst 2003 unter der Leitung von Marc Lange zusammengefundene Bläserphilharmonie an ein großes Chorwerk gewagt: Und das Publikum in der Harmonie traut seinen Ohren nicht. Mit welch einer verblüffenden Präzision die engagierten Laien die "Carmina" in der Fassung des spanischen Komponisten Juan Vicente Mas Quiles (1921) spielen, wie gut die Feinabstimmung mit den Stuttgarter Choristen und dem Unterstufenchor des Robert-Mayer-Gymnasiums funktioniert.

Augenzwinkern Eine meisterliche Leistung, die mit stehenden Ovationen und Zugabewünschen honoriert wird. Aber wie geschickt Rezitator Rainer Wolf auch die mittellateinischen und mittelhochdeutschen Lieder in eine dezent aktualisierte Gegenwartssprache übersetzt hat: Mit einem Augenzwinkern und einer gesunden Portion Humor. Recht rüde war Orff schließlich mit dem Schatz von 254 Lied- und Dramentexten umgegangen, die im südbayerischen Kloster Benediktbeuren gesammelt worden waren. Ganze 24 hatte er für seine "Carmina" ausgewählt, manchmal gar nur einzelne Strophen aneinandergefügt. Galant führt Rainer Wolf durch die zarten lateinischen Frühlingslieder, die robusten Fress- und Sauflieder der Vaganten und die betörenden Liebeslieder aus dem "Cours d' amour": Der Moment, an dem die Solisten Adréana Kraschewski (Sopran), Florian Götz (Bariton) und Donald George (Tenor) ins Spiel kommen. Bestens gestimmt geben sie der so schlichten, liedhaften "Carmina Burana" Gestalt.

Spuren Amors Leichtes Spiel hat Tenorbuffo Donald George, der seine Rolle bis zur Karikatur überzeichnet: Köstlich, wie er den gebratenen Schwan singen und leiden lässt. Von anderem Format sind Andréana Kraschewski und Florian Götz, die sich mit ungleich differenzierterem Ansatz auf die Spuren Amors begeben. Und dann schlägt schon wieder die Schicksalsgöttin zu. Bedrohlich gibt die Pauke den Takt vor, beschwören die Stuttgarter Choristen die "Fortuna Imperatrix Mundi". Der Kreis hat sich geschlossen.


Autor: Michaela Adick (HSt); Veröffentlicht am: 20.10.2009; Link: http://stimme.de/heilbronn/kultur/sonstige;art11930,1672440