Zwischen Italo-Western und Flamenco


Bläserphilharmonie glänzte unter der Leitung von Marc Lange in der Harmonie



HEILBRONN - Mit schöner Regelmäßigkeit tauchen im Frühjahr die Plakate der Bläserphilharmonie Heilbronn auf. Welche Entdeckungen werden die engagierten Bläser und Perkussionisten unter der bewährten Stabführung von Marc Lange diesmal präsentieren? Wer glaubt, schon alles zu kennen, kommt hier schnell an seine Grenzen. Umso schöner, dass die Bläserphilharmonie auch jetzt in der Harmonie wieder Wissenslücken schließen kann.
Auf dem Programm stehen Komponisten, die in den USA aufgewachsen sind oder dort studiert haben. Die farbenfrohe "Danza Sinfonica" (2004) des Tubisten James Barnes ist schon eine Art moderner Klassiker, sie wird bei Bläserwettbewerben häufig als Pflichtstück gefordert. Rhythmisch präzise Übereinstimmung zwischen Perkussion und Blech ist in der langsamen Einleitung gefragt, Versatzstücke des Flamenco speisen das gesamte Werk rhythmisch und motivisch. Mitreißende Farbwerte führen im ersten Abschnitt durch alle Register, wohlig tief lassen sich die drei Tubisten vernehmen. An Italo-Western erinnern Glockenklänge, dunkle Holzbläser und gestopfte Trompete im langsamen Teil. Flirrende Beschaulichkeit im Staubmantel findet im letzten Abschnitt ihr abruptes Ende, wenn die Flamenco-Motive in einem hektischen Strudel rhythmisch-greller Variationen versinken.
Der Spanier Oscar Navarro (1981) kann nicht verleugnen, dass er bei Joel McNeely und Christopher Young in Los Angeles studiert hat. Er beherrscht die dynamischen Steigerungsgesten zeitgenössischer Filmmusik auch in seinem zweiten Klarinettenkonzert (2012). Zunächst darf sich Solist Julius Kircher wie aus dem Nichts mit östlich-orientalischen Motiven hervorwagen. Und wieder kommt der Flamenco um die Ecke, im Orchester wird geklatscht und getanzt. Mit eleganter Virtuosität setzt Kircher selbst bei haarsträubenden Tempi in hoher Lage auf souveräne Klangformung, in ruhigen Passagen entfaltet er ganze Klanglandschaften.

Wuchtig- Kantig kommt die 3. Symphonie (1988) des Bläsermusik-Veteranen Alfred Reed daher. Höhepunkt des wuchtigen Werks ist der langsame Satz, eine atmosphärisch dichte Variationenfolge über die Elegie As-Dur für Klavier von Richard Wagner. Marc Lange und die bestens aufgestellte Bläserphilharmonie lassen keinen Zweifel daran, dass es sich um eine Vorstudie zum "Tristan" handelt: Glutvolle Leidenschaft wird mit großer Selbstverständlichkeit in schmerzlicher Chromatik gesteigert, Klarinetten-Soli und verklärte Bläser kontrastieren wirkungsvoll. Bravissimo!


Autor: Lothar Heinle; Veröffentlicht am: 19.05.2014

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