Für die Musik der Renaissance stellte Venedig im 16. und 17. Jh. eines der wichtigsten Zentren dar, dessen musikalische Innovationen europaweite Strahlkraft entfalteten. Zu der sogenannten Venezianischen Schule, als
deren Begründer der Niederländer Adrian Willaert gilt, zählte neben u.a. Cipriano Rore und Claudio Monteverdi auch der Komponist des heutigen Eröffnungsstücks, Giovanni Gabrieli.
Neben ihren Verdiensten für die Emanzipation der Instrumentalmusik, z.B. in der Gattung der OrgelToccata, zählt das Prinzip der sogenannten Venezianischen Mehrchörigkeit zu den musikgeschichtlich zentralen Entwicklungen der Venezianischen Schule. Ihr Stil zeichnet sich durch den Einsatz von Chromatik sowie durch Kontrasteffekte hinsichtlich Klangfarbe und Dynamik aus. So stellt Gabrielis Sonata pian e forte eines der frühesten Beispiele für Werke mit notierter Dynamik, d.h. mit Lautstärkeangaben dar.
Giovanni Gabrielis zahlreiche Kanzonen und Sonaten waren für die Liturgie in der Markuskirche in Venedig bestimmt, wo er ab den 1580er Jahren als Komponist und Hauptorganist tätig war. Das Konzept des Gegenoder Wechselgesangs (Antiphon) bildet die Basis zahlreicher Kompositionen Gabrielis, so auch der Canzon primi toni des heutigen Programms.
Die 1597 als Nr. 28 der Sacrae Symphoniae erstmals gedruckte Canzon ist in Dorisch G komponiert und besteht aus einem einzigen, etwa vier Minuten langen Satz. Für die Markuskirche geschrieben, sah die Canzon
zwei Blechbläserchöre vor, wobei jeder aus zwei Trompeten und zwei Posaunen bestand. Die beiden Chöre wurden gemäß dem antiphonalen Prinzip der venezianischen Mehrchörigkeit (it. cori spezzati) auf gegenüberliegenden Balkonen der Kirche positioniert.