Reflections on the Mississippi



Michael Daugherty (*1954) ist der Sohn des Schlagzeugers einer
Tanzband und der älteste von fünf Brüdern. Er studierte Komposition an der University of North Texas, der Manhattan School of Music und zusätzlich Computermusik in Paris. 1986 promovierte er in Yale und arbeitete in dieser Zeit auch viel mit Gil Evans in New York zusammen. Dies führte ihn zu Studien bei György Ligeti in Hamburg. Nachdem er einige Jahre am Konservatorium von Oberlin gelehrt hatte, wechselte er 1991 an die Universität von Michigan, wo er bis heute die Professur für Komposition innehat.
Das Tuba-Konzert schrieb er in Erinnerung an seinen Vater Willis Daugherty und greift damit Familienausfl üge an den Mississippi
auf. Der erste Satz "Mist" (Nebel) beschreibt den Sonnenaufgang
am Fluss. Die Tuba intoniert eine mystische Melodie, die durch
wabernde Akkorde immer höher steigt. Ein Ostinato im Klavier und
Schlagzeug begleitet ein zweites Thema, das aus der Tiefe aufsteigt und vom Holzbläsersatz punktiert wird. Letztlich kehrt das Ostinato in der Pauke wieder und vereint sich mit der mystischen Eröff nungsmelodie. Der Titel "Fury" (Wut) des zweiten
Satzes zeigt uns die Aufruhr des Flusses wie man sie 1927 bei der
großen Flut miterleben konnte. Wie in der Novelle "Der Klang und
die Wut" von Faulkner ist die Musik mit dissonanten Harmonien gefüllt, turbulenten Polyrhythmen und ewigem Wechsel von 3/4 und 5/4–Takt, sodass keine echte Ruhe aufkommt.
Das Gebet ("Prayer") im dritten Satz lässt uns über die ruhige Seite des Flusses meditieren, als würde man von weit oben heruntersehen, während der Sonnenuntergang einer sternenklaren Nacht Platz macht. Ferne Kirchenglocken scheinen heranzuwehen, während die Tuba ganz lyrisch eine beseelte Melodie entfaltet. In einer Reiteration kommen Teile aus dem ersten Satz zurück, um die Zeitlosigkeit des Flusses zu veranschaulichen.
Der letzte Satz "Steamboat" (Dampfschiff ) nimmt uns mit in die Welt des Mark Twain. Auf einer Reise den Fluss hinunter entsteht
hier lebendige Musik, die den Raddampfern bis hinunter nach New Orleans folgt. So wie die Tuba in der Musik aus New Orleans eine
zentrale Rolle spielt, führt der Solist in diesem Satz eine eigene Linie von Synkopen an, die das Konzert bis zu einem virtuosen Ende vorantreiben.