Der Wunsch nach Frieden


Es ist ein ebenso ehrgeiziges wie anspruchsvolles Projekt, das sich die Bläserphilharmonie unter ihrem künstlerischen Leiter Marc Lange in diesem Jahr zum Ziel gesetzt hat: Mit dem Orchester aus Blech- und Holzbläsern, Kontrabässen, Klavier und Schlagzeug, vier Chören aus dem Stadt- und Landkreis, Solisten und einem Sprecher stehen bis zu 250 Mitwirkende auf der Bühne der Harmonie. Und lassen beim Hauptwerk des Abends den Atem stocken: Die als Antikriegsstück konzipierte Friedensmesse "The Armed Man: A Mass for Peace", mit der der Waliser Komponist Karl Jenkins Grenzen musikalischer Genres überschreitet, beginnt mit Stampfen wie beim Einmarsch von Soldaten. Aus dem militärisch konnotierten Klang von Trommel und Piccoloflöte löst sich das französische Soldatenlied "L'Homme armé" aus dem 15. Jahrhundert.

Kosovokrieg
Jenkins, dessen im Jahr 2000 geschriebenes Werk den Opfern des Kosovokrieges gewidmet ist, verbindet Völker, Sprachen und Religionen, Gedichte, Liturgien und Epen. Der islamische Gebetsruf "Adhan", von Naeem Ahmed Sheikh eindringlich und voller Hingabe auf Arabisch von der Empore herab präsentiert, ist dabei ein ebenso eindrucksvoller Beitrag wie das mit samtigem Timbre und auf Griechisch von der italienischen Mezzosopranistin Maria Pizzuto gegebene "Kyrie", sensibel begleitet von dunklem Blech und friedvoll fließendem Gesamtchor. Markige Männerstimmen legen englische Psalmenworte aus. Das in Tonhöhe und Dynamik gesteigerte und im lauten Ausruf mündende "Charge!" erschüttert.

Schrecken, Zerstörung, Kampfesruhm und Massentod werden musikalisch verdichtet. Hoch konzentriert, mit Freude und Verve bei der Sache, folgen Orchester, Chöre sowie weitere Solisten in Gesang und an den virtuos beherrschten Instrumenten den präzisen Anweisungen Langes. Es entstehen mitreißende rhythmische Passagen, ergreifende Harmonien, Kontrastezwischen lyrisch strahlenden Bläsersätzen und Stimmen im Stakkato.

Die flutenden Harmonien im abschließenden "Better is Peace" wirken wie ein tröstlicher Epilog mit dem Wunsch nach Frieden.
Holocaust Dem Monumentalwerk von Jenkins geht vor der Pause ein reines Orchesterprogramm voraus.

Auch dieses gelingt höchst beeindruckend: Die von Christhard Schrenk vorgetragenen Textstellen aus Elie Wiesels Roman "Night" stimmen auf Robert W. Rumbelows gleichnamige Vertonung über den Holocaust ein. Glockenschläge, ein am Klavier wiederkehrendes Motiv wie zur Todesstunde, Vokale, Pfeifen, verführerische Flötentöne und schmerzliche Dissonanzen schaffen unheimliche Stimmungen, in die hinein die Klarinette Töne wie von jüdischer Klezmermusik platziert. In Giovanni Gabrielis "Canzon primitoni" katapultiert das Ensemble der Blechbläser in kontrastreichem Wechselspiel und mit federnden Klangstößen die rund 760 Zuhörer geradewegs ins 16. Jahrhundert, bevor mit "Cathedrals", einer Fantasie über Gabrielis Werk der amerikanischen Komponistin Kathryn Salfelder, der Sprung ins 21. Jahrhundert gelingt: Sakral und spielerisch, mit Anklängen an Jazz, Marsch und sinfonische Dichtung stellen Orchester und punktgenaue solistische Einlagen die vielfältigen Klangideen heraus. Am Ende gibt es enthusiastischen Applaus im Stehen.


Autor: Monika Köhler; Veröffentlicht am: 27.05.2019